"Experimentierraum Professur": Impulse für das Wissenschaftssystem
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Universitäten stehen heute vor tiefgreifenden Herausforderungen. Während finanzielle Spielräume enger werden, wachsen zugleich die Erwartungen an sie als zentrale Akteure im internationalen Wettbewerb um exzellente Studierende und Forschende. Hinzu kommt ihre Rolle als Innovationsmotor, als Partner für Wirtschaft und Gesellschaft sowie als Impulsgeber in umfassenden Transformationsprozessen. Gleichzeitig arbeiten viele Hochschulen weiterhin innerhalb eines Regelwerks, das in Teilen aus einer anderen Zeit stammt. Das erschwert flexible, kreative Lösungen für aktuelle Herausforderungen.
Neue Chancen durch geschützte Räume
Um neue Wege zu erproben, fördert die VolkswagenStiftung im Programm „Impulse für das Wissenschaftssystem: Strategische Experimentierräume – Hochschulentwicklung braucht Flexibilität“ innovative Projekte, die gezielt neue Strukturen und Kooperationen im Wissenschaftssystem testen. Ziel ist es, geschützte Räume zu schaffen, in denen Universitäten gemeinsam mit Partnern aus Politik, anderen Universitäten und Verwaltung neue Modelle entwickeln und praktisch erproben können.
Innovation, Transfer, internationale Vernetzung
Auch ein Projekt der Technische Universität München (TUM) wurde im Februar 2026 offiziell bewilligt. Unter dem Titel „Experimentierraum Professur: Neue Modelle für Innovation, Transfer und internationale Vernetzung“ erhält das Vorhaben rund 489.000 Euro Fördermittel für eine Laufzeit von fünf Jahren. Hauptantragsteller sind Professor Thomas F. Hofmann, Präsident der TUM, sowie die Professoren Hans-Joachim Bungartz, Dekan der TUM School of Computation, Information and Technology und Christoph Kaserer, Dekan der TUM School of Management. Projektleiterinnen sind Professorin Isabell Welpe und Professorin Theresa Treffers. Erstere ist nicht nur Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der TUM School of Management, sondern auch Wissenschaftliche Leiterin des Bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF). Letztere ist Dozentin am Lehrstuhl für Strategie und Organisation. Ihr aller Ziel sind neue Modelle für Professuren, die Forschung, Lehre, Innovation, Transfer und internationale Zusammenarbeit stärker miteinander verbinden.
Gesetzliche und administrative Hürden überwinden
Im Zentrum des Projekts steht die Idee eines „geschützten Experimentierraums“, in dem sich bestehende gesetzliche und administrative Hürden temporär flexibilisieren lassen. „Wir haben im Rahmen unserer Forschung am Lehrstuhl für Strategie und Organisation über viele Jahre systematisch analysiert, welche rechtlichen und administrativen Rahmenbedingungen Professorinnen und Professoren in Deutschland daran hindern, sich stärker in Gründungen, Transferprojekte oder internationale Kooperationen einzubringen“, erläutert Isabell Welpe. „Das Ergebnis ist eindeutig: Das Beamtenrecht, das Nebentätigkeitsrecht und die Dienstaufgabenregelungen sind auf ein monofunktionales Professurmodell aus Forschung, Lehre und Selbstverwaltung zugeschnitten.“ Diese Regelungen erschweren heute oft eine aktive Rolle von Professorinnen und Professoren in Unternehmensgründungen, internationalen Joint Appointments oder in Unternehmenskooperationen. Durch gezielte Anpassungen sollen neue Formen der Professur auf den Prüfstein, ohne dabei die Grundprinzipien des Hochschulsystems zu gefährden.
Drei Modelle für die Zukunft
Geplant sind drei unterschiedliche Modelle: Im Entrepreneurial Professorship sollen sich Professorinnen und Professoren stärker und aktiver an Ausgründungen beteiligen können. Internationale Mehrfachaffiliationen sollen im Rahmen der Global Network Professorships erleichtert werden. Somit können Forschende gleichzeitig an mehreren (inter)nationalen Institutionen tätig sein. In Industry Bridge Professorships gebotene Teilzeitmodelle ermöglichen es Professorinnen und Professoren, parallel in etablierten Unternehmen zu arbeiten und so Wissenstransfer und Praxisbezug zu stärken.
Um diese Modelle zu erproben, werden unter anderem Anpassungen des Bayerischen Hochschulinnovationsgesetzes (BayHIG), der Bayerischen Hochschullehrernebentätigkeitsverordnung (BayHschLNV) sowie des Bayerischen Beamtengesetzes (BayBG) vorgeschlagen. Das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst hat seine Unterstützung sowie einen vertieften Dialog zu den geplanten Reformansätzen zugesagt. „Es geht dabei nicht um eine neue allgemeine Ausrichtung, sondern um neue Möglichkeiten, wo diese gewollt werden“, erläutert Hans-Joachim Bungartz. „Gerade in unserer School sehen wir hier
konkreten Handlungsbedarf. Das Projekt setzt bei Hürden und formalen Beschränkungen an. Es soll das Machbare ausloten und gegebenenfalls dessen Grenzen verschieben helfen.“
Innovationskraft und Wettbewerb stärken
Der Zeitpunkt für den Projektstart ergibt sich laut Isabell Welpe aus dem Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen. Das Bayerische Hochschulinnovationsgesetz habe seit 2023 mit der Innovationsklausel, dem Gründungsfreisemester und neuen Berufungsformaten zwar wichtige Reformimpulse gesetzt. Doch die strukturellen Engpässe, die das Projekt adressieren will, gehen über diese Instrumente hinaus. Außerdem zeige der Draghi-Report, ein im Jahr 2023 von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebener Strategie- und Wirtschaftsbericht zur „Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit“, deutlich, dass Europa seine Innovationsfähigkeit dringend stärken muss. Ferner belege die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), dass die Gründungsraten gerade im Bereich Spitzentechnologie und Deep Tech weiter sinken. Die nötigen technologischen Innovationen und Deep-Tech-Startups können nur von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kommen. Diese dürften laut Isabell Welpe „aber de facto nur ein bisschen gründen“. Ferner gebe es auf politischer Seite mit dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst die maßgebliche Unterstützung notwendiger Reformen.
Blaupause für das deutsche Wissenschaftssystem
Langfristig verstehen die Antragstellenden das Projekt als Blaupause für das deutsche Wissenschaftssystem. Ziel ist es zu zeigen, wie Universitäten exzellente Forschung, hochwertige Lehre und wirksamen Transfer wieder systematisch miteinander verbinden können. Gleichzeitig soll das Vorhaben dazu beitragen, die Innovationskraft des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts Deutschland zu stärken und Universitäten besser für den internationalen Wettbewerb zu positionieren.